Experten-Interview: Zukünftig wird es eine zweckangepasste individuelle Mobilität geben

Wir sind mobil, jederzeit und überall. Doch wie sieht die Welt der Mobilität aus, wenn unsere Kinder eines Tages erwachsen sind? Wer könnte das besser wissen als Prof. Dr. Ulrich Wagner, zuständig als Vorstandsmitglied für die Forschungsschwerpunkte Energie und Verkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt: Der promovierte Elektrotechniker und Ordinarius am Lehrstuhl Energiewirtschaft und Anwendungstechnik an der TU München beschäftigt sich schon seit fast drei Jahrzehnten mit dem Thema Elektromobilität, ist zudem wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstelle Energiewirtschaft sowie Leiter der Koordinierungsstelle der Wasserstoff-Initiative Bayern des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Technologie und Verkehr.

„Das Auto bleibt Kernstück der individuellen Mobilität.“ Prof. Dr. Ulrich Wagner, Vorstandsmitglied beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

MobileKids: Herr Professor Wagner, unsere Gesellschaft steht vor der Herausforderung, die eigene Mobilität zukünftig effizienter zu gestalten und noch mehr Rücksicht auf Mensch und Umwelt zu nehmen. Können Sie uns sagen, wie Mobilität in 30 Jahren aussehen wird?

Professor Wagner: Wir werden in Zukunft viele unterschiedliche Fahrzeuge benutzen, je nachdem wohin wir wollen: Zum Beispiel mit dem Fahrrad zur Schule, mit dem Elektroauto in die Stadt und mit dem Hybrid-Kombi in die Ferien. Heute hingegen nutzen wir noch die alleskönnende „Universal-Renn-Reise-Kombi-Limousine“, für die Kurzstrecke ebenso wie für den Fernurlaub. Das ist technisch, energetisch und vor allem aus Sicht der Umwelt eine sehr aufwändige Lösung. Zukünftig also wird es eine zweckangepasste individuelle Mobilität geben, zudem stärker vernetzt mit anderen Verkehrsmitteln.

Können Sie das konkreter beschreiben? Welche Fortbewegungsmittel werden denn von Bedeutung sein?

Ein Kernstück der individuellen Mobilität bleibt natürlich das Auto, auch wenn es etwas andere Ausprägungen haben wird, als wir das heute gewohnt sind: also kleinere Fahrzeuge für kürzere Strecken, und auch nicht mehr unbedingt der Pkw in Privatbesitz. Selbstverständlich können Sie nach wie vor mit dem Auto nach Südfrankreich in den Urlaub fahren, aber Sie werden sich für diesen Zweck, über diese zwei Wochen, ein spezielles Fahrzeug ausleihen. Wieder zu Hause greifen Sie dann auf einen kleinen, für den Stadtverkehr optimierten Wagen zurück. Zudem werden variable Nutzungsmodelle wie Carsharing wichtig sein, sowie die sogenannte Intermodalität, also die kombinierte Nutzung verschiedener Verkehrsmittel: Wir fahren, wenn wir etwas außerhalb wohnen, mit dem Pkw los, steigen dann um in Bahn oder Straßenbahn und legen schließlich die letzte Meile zur Schule oder auch zum Arbeitsplatz möglicherweise mit einem Zweirad zurück, etwa in Bereichen, die in 30 Jahren dann für das Auto gar nicht mehr zugänglich sind. Sinnvoll wären hier natürlich ein einheitliches System für Auskünfte, Tarife und Bezahlung. Dann geben Sie übers Handy oder den Computer ihren Wunsch ein und bekommen den Fahrplan von A bis Z, von Tür zu Tür – und das Ticket gleich mit dazu.

Sie beschreiben jetzt Mobilitätskonzepte, sind diese denn in der Zukunft ebenso bedeutsam wie neue, effizientere Technologien?

Ja, ganz bestimmt. Es ist natürlich sehr wichtig, die technischen Optionen von Elektrofahrzeugen, betrieben mit Batterie bzw. Brennstoffzelle, weiterzuentwickeln. Zugleich aber müssen wir uns um das Verkehrsmanagement kümmern. Ein Elektrofahrzeug etwa hat ja eine begrenzte Reichweite, da wollen und müssen wir schon vor Fahrtantritt wissen, wo die nächste Lademöglichkeit ist, ob sie gerade verfügbar ist, welche Reststrecken wir in absehbarer Zeit noch mit dem Fahrzeug zurücklegen können und vieles mehr. Dazu brauchen wir ein intelligentes Navigationssystem, das sich mit dem Batteriemanagementsystem im Wagen „unterhält“, das lernen und den Nutzer und sein Verhalten verstehen kann. Zugleich ist es mit dem Verkehrsmanagement verbunden und bekommt alle Meldungen über Staus, Unfälle oder den nächsten freien Parkplatz. Dieses Navigationssystem muss ständig auf dem neuesten Stand sein, denn wir wollen ja keinen einzigen Fahrkilometer verschwenden.

Elektroautos werden in der Zukunft eine starke Rolle spielen im Individualverkehr. Momentan aber dürften sicher manche Autofahrer befürchten, durch die bisher langen Ladezeiten von Batterien nicht mehr spontan sein zu können, an Individualität zu verlieren...

Dabei liegen 95 Prozent aller Fahrstrecken, die wir im statistischen Mittel täglich zurücklegen, deutlich unter 50 Kilometer und sind damit absolut problemlos auch von kleineren Elektrofahrzeugen zu schaffen. Das Problem sind die anderen fünf Prozent, die sich im Alltag zwar nicht so sehr auswirken, aber enorm stark gefühlt werden oder als Risiko überpräsent sind. Es gilt, diese fünf Prozent aufzufangen oder abzufedern, dafür muss immer eine Lösung da sein. Wenn wir uns aber auf gute Prognosesysteme im Auto verlassen können, die die restliche Reichweite von Elektrofahrzeugen mit Batterie oder Brennstoffzelle zuverlässig anzeigen, wenn zudem die Infrastruktur stimmt und die Information über den weiteren Reiseverlauf, etwa wo wir die nächsten öffentlichen Verkehrsmittel oder eben das Fahrrad für die „letzte Meile“ finden, dann ist das aus meiner Sicht gar kein Problem mehr.

Wir gehen mal davon aus, dass sich die Ladezeit eines Elektrofahrzeugs in Zukunft auch noch verkürzen und es genügend Stationen zum „Auftanken“ geben wird...

Ja, es gibt heute schon Systeme, die man innerhalb einer halben Stunde nahezu vollständig laden kann. 30 Minuten sind natürlich immer noch nicht vergleichbar mit einem konventionellen Tankvorgang, aber gemessen an den vier bis sechs Stunden, die klassische Batteriesysteme benötigt haben, ist das schon ein wesentlicher Fortschritt. Nach meiner Einschätzung sind zudem die wichtigsten Lademöglichkeiten zu Hause und am Arbeitsplatz, hier wird der wesentliche Teil der Ladeleistung erbracht werden. Darüber hinaus brauchen wir sicherlich auch eine gewisse öffentliche Infrastruktur, aber dass wir für jedes einzelne Elektroauto ein, zwei, drei Auftankstationen im öffentlichen Bereich vorhalten müssten, so wie das heute manchmal diskutiert wird, das ist absolut übertrieben.

Welche Technologien sind denn neben der Elektromobilität die Hoffnungsträger der Zukunft? Denn wir müssen ja nicht nur beim Pkw die Effizienz steigern und die Emissionen senken, sondern auch im Güter- und Personennahverkehr.

Auch für den Güterverkehr gilt: Es wird durch besseres Verkehrsmanagement gelingen, mehr Güter beispielsweise auf die Schiene zu bringen sowie den Verbund von Schiene und Straße weiter zu optimieren. Im Vergleich zum Pkw jedoch lässt sich ein Sattelschlepper nur schwer elektrifizieren. Die Reichweite ist das Problem, ein Lkw, der vielleicht 1.000 Kilometer pro Tag zurücklegen muss, kann nicht mit Batterie betrieben werden. Dort brauchen wir andere interessante Optionen, zum Beispiel biogene Kraftstoffe*. Auch im Bereich Personentransport wird derzeit intensiv an neuartigen Antrieben und alternativen Treibstoffen gearbeitet. So wird sich Erdgasantrieb, um nur ein Beispiel zu nennen, weiter etablieren, etwa für Busse im Stadtbereich.
(*Anmerkung der Redaktion: Unter biogenen Kraftstoffe versteht man Biotreibstoffe, die vor allem aus nachwachsenden Rohstoffen oder auch Energiepflanzen hergestellt werden. Zu den bekanntesten zählen beispielsweise Pflanzenöl, Biodiesel oder auch Bioethanol, neue Treibstoffe sind in der Entwicklung.)

Wenn wir Konzepte wie Intermodalität oder Carsharing auf den Wirtschaftsverkehr übertragen, würde das doch bedeuten, dass nicht jede Spedition ihre eigenen Laster losschickt, sondern mit anderen Anbietern zusammenarbeitet...

Das ist eine große Herausforderung, wie man sich vorstellen kann. Aber nur durch eine stärkere unternehmensüberschreitende Vernetzung lassen sich Leerfahrten im Wirtschaftsverkehr vermeiden. Das gilt in erster Linie für den Fernverkehr, beim Verteilerverkehr wird das schon schwieriger.

Was kann man denn auf der letzten Meile tun?

Logistisch stößt man hier schnell an Grenzen, denn ein Paketdienst lässt sich schlecht mit dem Werkstattauto einer Heizungsfirma zusammenbringen. In diesem Bereich ist es daher wichtig, innovative, umweltfreundlichere Antriebe einzusetzen. Das typische Postfahrzeug beispielsweise beschleunigt und bremst alle 20 Meter, fährt also den ganzen Tag Stop-and-Go. Aus Sicht eines Verbrennungsmotors ist das eine katastrophale Betriebsweise was den Wirkungsgrad und die Emissionen angeht. Für ein Elektro- oder Brennstoffzellenfahrzeug ist das jedoch überhaupt kein Problem.

Die 8,5-Millionen-Metropole Bangalore - Zehntausende Autos und Rikschas bahnen sich Ihren Weg durch die Straßen.

Vielen Menschen schauen skeptisch auf die Entwicklungen in Wachstumsländern wie China, Indien oder auch Brasilien, wo die Mobilisierung stark zunimmt. Werden diese Nationen den gleichen Weg beschreiten, wie wir ihn in den vergangenen Jahrzehnten zurückgelegt haben? Oder werden sie die Fehler, die wir ja auch gemacht haben, von Anfang an vermeiden können?

Diese Gesellschaften werden auf jeden Fall exakt den gleichen Mobilitätsbedarf entwickeln wie wir, und ich finde, darauf haben sie auch einen Anspruch. Wir werden diesen Staaten nicht erklären können, dass sie weniger mobil sein dürfen oder sollten. Wenn man aber diesen wachsenden Mobilitätsbedarf mit unseren heutigen, derzeit noch aktuellen Technologien im Verkehrsbereich decken wollte, würde das zu ganz erschreckenden Zahlen führen, etwa was die jährliche Zunahme von Pkw, den Ressourcenverbrauch oder CO2-Emissionen angeht – wir kennen alle diese Berechnungen. Hier sind intelligentere, effizientere, umweltschonendere Verkehrssysteme gefragt: Innovative Bahnsysteme oder auch Hochgeschwindigkeitszüge, zweckangepasstere, kleinere Fahrzeuge sowie natürlich alternative Kraftstoffe und Antriebe. Diese Staaten forschen und testen schon sehr viel in diesen Gebieten, das darf man nicht unterschätzen. Wir auf der europäischen Seite haben die Möglichkeit, durch unsere Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung auch dazu beizutragen, dass sich in diesen Ländern von Anfang an möglichst nachhaltige Verkehrssysteme entwickeln und nicht einfach nur unsere heutigen Strukturen, die über die letzten 50 Jahre entstanden sind, dorthin übertragen werden. Das würde schiefgehen.

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