Der Assistent fährt mit – technische Lösungen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr
In den Straßen großer Städte ist was los: Auf den oft mehrspurigen Strecken teilen sich Busse und Straßenbahnen den Platz mit Lastwagen und Transportern, die den Handel beliefern, zugleich befahren Tausende Menschen mit dem Pkw die Innenstadt, auf dem Weg zur Arbeit oder auch zum Shopping. Und mittendrin im geballten Verkehr sind Kinder unterwegs, als Mitfahrer im Auto, als Fahrradfahrer und Fußgänger. Verkehrserziehung und kinderfreundliche Verkehrsregelungen können helfen, die Unfallgefahr der Jüngsten zu verringern, doch auch mit neuester Sicherheitstechnik in den Fahrzeugen selbst lässt sich viel dazu beitragen, dass sich die Sicherheit von Kindern im innerstädtischen Straßenverkehr erhöht. Zu diesem Thema hat MobileKids mit Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg und Prof. Dr.-Ing. Thomas Breitling gesprochen. Die beiden wissen, worauf es bei der Entwicklung neuester Sicherheitstechnik im Auto ankommt und arbeiten mit ihren Teams daran, die "Vision des unfallfreien Fahrens" zu verwirklichen.
MobileKids: Herr Professor Breitling, Herr Professor Schöneburg, der dichte Stadtverkehr ist wohl für alle Verkehrsteilnehmer eine besondere Herausforderung. Eltern beispielsweise, die ihre Kinder morgens in den Stoßzeiten mit dem Auto zur Schule fahren, laufen im Stop-and-Go-Verkehr Gefahr, in einen Auffahrunfall verwickelt zu werden. Wie kann die Technik im Auto dabei helfen, solche Crashs zu vermeiden?
Prof. Dr.-Ing. Breitling: Bei einem drohenden Auffahrunfall treten die allermeisten Menschen nicht gleich mit voller Kraft auf die Bremse, sondern zögern etwas, dadurch verlieren sie wertvolle Meter. Um dieses nicht ganz perfekte Bremsverhalten zu kompensieren gibt es den Bremsassistenten, der schon seit über zehn Jahren in unseren Fahrzeugen eingesetzt wird. Er erkennt die Notsituation, die schreckhafte Bewegung vom Gas zur Bremse und erhöht automatisch den Bremsdruck. Ist das Fahrzeug zusätzlich mit unserem radarbasierten Abstandsregel-Tempomat Distronic Plus ausgestattet, wird eine drohende Kollision zusätzlich durch einen Warnton und ein optisches Signal angezeigt. Unsere PRE-SAFE Bremse geht noch weiter, sie reagiert auch, wenn der Fahrer trotz der verschiedenen Warnungen überhaupt nicht tätig wird – erst mit Teilbremsungen, zur Not auch mit einer Vollbremsung.
Hilft das PRE-SAFE-System auch im Stadtverkehr effektiv?
Prof. Dr.-Ing. Schöneburg: Ja – ganz sicher. Mit PRE-SAFE erkennen wir Notbremssituationen oder auch, wenn das Fahrzeug ins Schleudern kommt oder sich kritisch dem Vordermann nähert. Wird die Situation wirklich gefährlich, kann sich beispielsweise die Rücklehne des Beifahrersitzes etwas aufrechter stellen, das Dachfenster schließt sich oder die Gurtstraffer gehen in eine Art Hab-Acht-Stellung und straffen die vorderen Gurte elektromotorisch. All das trägt dazu bei, die Belastungen bei einem Unfall zu vermindern.

Im Stadtverkehr wird man als Autofahrer häufig abgelenkt, vor allem, wenn auf der Rückbank auch noch Kinder sitzen. Lässt sich möglicherweise durch technische Hilfsmittel die Aufmerksamkeit des Fahrers für den Straßenverkehr in solchen Situationen erhöhen?
Breitling: Wir haben einen Aufmerksamkeits-Assistenten entwickelt, der beispielsweise aus dem Lenkverhalten des Fahrers und anderen Daten wie etwa der Fahrtdauer und der Tageszeit erkennen kann, ob der Fahrer müde oder unaufmerksam wird und besser eine Pause machen sollte. Doch das ist eher bei langen monotonen Fahrten auf der Autobahn oder der Landstraße nützlich. Im Stadtverkehr haben ja Eltern das Problem – ich kenne das, ich habe selbst drei Kinder –, dass sie sich zum Beispiel öfter nach hinten umdrehen müssen, weil dem Kind vielleicht etwas runtergefallen ist oder sich die Kleinen streiten. Hier forschen wir derzeit daran, Kameras einzusetzen, um zu erkennen, ob ein Fahrer zu lange zur Seite oder nach hinten schaut.
Eine weitere Gefahrenquelle für Unfälle im Stadtverkehr sind die häufigen Spurwechsel der Fahrzeuge, wie lassen sich hier Kollisionen vermeiden?
Breitling: Unser sogenannter aktiver Totwinkel-Assistent ist schon in Serie bei uns, er erkennt über Radarsensoren Fahrzeuge im toten Winkel und signalisiert das mit einem roten Symbol im Rückspiegel, gegebenenfalls ertönt auch ein Warnton. Wenn sich die zwei Fahrzeuge trotzdem kritisch annähern, kommt es zu einem einseitigen Bremseingriff. Dadurch wird die Fahrtrichtung geringfügig verändert, wie bei einer magnetischen Abstoßung wird das Auto dann etwas umgelenkt und aus der Gefahrenzone herausgebracht. Das ist auf der Autobahn ebenso nützlich wie im Stadtverkehr.

Und wenn es doch zum Zusammenstoß kommt, wie schützt ein Wagen dann seine Insassen am besten?
Schöneburg: Im Stadtverkehr sind die Geschwindigkeiten niedriger als auf der Landstraße oder Autobahn, als Entwickler müssen wir unsere Schutzsysteme daher nicht nur auf hohe Geschwindigkeiten auslegen, sonst würden Airbags oder Gurtstraffer zu hart eingestellt und bei einem Unfall mit geringerer Geschwindigkeit möglicherweise sogar negative Folgen für die Insassen haben. Mehrstufige Airbags sind hier die Lösung, sie erlauben es, je nach erwarteter Schwere des Aufpralls den Airbag in verschiedenen Stufen auszulösen. Darüber hinaus ist es bei einem Unfall wichtig, dass die einzelnen Komponenten im Inneren eines Wagens in gewisser Weise nachgeben und Energie absorbieren, Teile dürfen nicht brechen. Blenden etwa haben wir so entwickelt, dass sie sich nur verbiegen und verformen, aber nicht splittern. Bei einem Heckaufprall müssen Kopfstützen und Rücklehnen den Hals vor Verletzungen schützen, unsere crashaktive Kopfstütze etwa bewegt sich bei einem Unfall in Richtung Insasse, der damit frühzeitiger eine Abstützung und damit eine geringere Belastung hat. Bei Kindern muss es als allererstes natürlich darum gehen, sie überhaupt anzuschnallen, das ist das A und O bei der Fahrzeugsicherheit, zudem sollte man immer einen vernünftigen Kindersitz benutzen, der dem Kind von Größe und Gewicht her gerecht wird.

Gibt es denn auch Airbags oder Gurte, die speziell auf die Kinder ausgerichtet sind?
Schöneburg: Wenn es irgendwie möglich ist, sollten Kinder generell hinten sitzen, denn dort ist der sicherere Platz. Mit der E-Klasse haben wir selbstadaptive Gurtstraffer eingeführt, die je nach Größe und Gewicht des Angeschnallten ihre Gurtkraft gezielt einstellen, Kinder können wir hier mit einem geringeren Kraftniveau schützen. Zudem lässt sich mit der Gurttrageerkennung vorn auf dem Display sehen, ob sich das Kind auf der Rückbank vielleicht während der Fahrt abgeschnallt hat.
Familien mit Kindern haben immer unglaublich viele Dinge dabei, wie wichtig ist es, die Utensilien richtig zu verstauen?
Schöneburg: Frei durch die Gegend fliegende Teile sind immer gefährlich bei einem Unfall, auch bei geringeren Geschwindigkeiten. Ich habe selbst drei Kinder und immer darauf geachtet, das auf keinen Fall schwere Dinge im Fahrgastraum untergebracht sind. Bei einem heftigen Unfall wirkt die 40 bis 50-fache Masse des Gegenstandes auf den Insassen, ein Gegenstand von einem Kilogramm Gewicht bedeutet dann eine 50 Kilogramm-Belastung. Spielzeug gehört also in Fächer oder in den Fußbereich, auf keinen Fall auf die Hutablage.
Viele Kinder sind als Fußgänger oder Radfahrer in den Städten unterwegs, an unübersichtlichen, zugeparkten Kreuzungen sind sie selbst für aufmerksame Fahrer oft nur schwer zu sehen. Gerade beim Abbiegen von Pkw ist daher die Unfallgefahr groß. Wie kann ein Auto den Fahrer unterstützen, hier die Übersicht zu behalten?
Breitling: Das Nightview-System etwa zeigt Ihnen bei Dunkelheit etwa den Fernlichtbereich als Graustufenbild an. Fußgänger erscheinen auf diesem Bild besonders hell, schon mit einem kurzen Kontrollblick auf den Bildschirm erkennt der Autofahrer Fußgänger – auch wenn er selbst nur mit Abblendlicht fahren darf. Auch ein spezielles Abbiegelicht hilft, die Straßenverhältnisse zur Seite hin besser auszuleuchten. Um auch tagsüber Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer in einer solch komplexen Situation an einer städtischen Kreuzung erkennen und bei Bedarf auch präventiv eingreifen zu können, forschen wir derzeit an Radar- und Kamerabasierten Systemen.
Kinder laufen manchmal unvermittelt über die Straße, vielleicht sogar zwischen parkenden Autos heraus. Wie helfen Ihre Entwicklungen mir als Autofahrer, richtig und vor allem schnell in solchen Situationen zu reagieren?
Breitling: Auch hier ist wieder der Bremsassistent sehr wichtig. Aber eine Technik zu entwickeln, die schon vorab eine möglicherweise gefährliche Situation erkennt, etwa einen auf die Straßen rollenden Ball oder wenn nur zwei Füße zwischen den parkenden Autos zu sehen sind, ist sehr, sehr schwierig. Wir arbeiten daran, unseren Rechnern beizubringen, solche Situationen zu bewerten, auch mit Hilfe von Kameras, aber noch ist das Zukunftsmusik.

Vor Schulen oder Spielplätzen herrscht oft ein Tempolimit, ebenso in Spielstraßen. Kann die Technik dem Fahrer helfen, das Limit einzuhalten?
Breitling: Ja, wir nennen das Geschwindigkeitslimit-Tempomat, er kann Schilder mit Geschwindigkeitsbegrenzung und auch die Auflösungsschilder erkennen und dem Fahrer anzeigen, welches Limit gerade gilt. Das funktioniert auch in Tempo-30-Zonen
Woran erkennen Sie und Ihre Kollegen eigentlich, wo noch Entwicklungsbedarf besteht? Und welche technischen Verbesserungen können wir in Zukunft erwarten, damit Kinder noch sicherer im Straßenverkehr werden?
Schöneburg: Wir haben seit über 40 Jahren eine eigene Unfallforschung bei Mercedes-Benz, das heißt, wir fahren gezielt nach draußen und analysieren reale Unfälle, schauen uns die Fahrzeuge an, sprechen zum Teil auch mit den Fahrern und nehmen dann die entsprechenden Daten auf, um hier gezielt weiter zu entwickeln. Das ist wichtig, denn Unfälle finden in der Regel nicht so statt wie bei uns im Labor, wo wir Wagen mit einer konstanten Geschwindigkeit gegen eine Wand fahren lassen oder die Dummys in einer ganz bestimmten Position im Fahrzeug sitzen. Unter realen Bedingungen sieht die Situation anders aus, der Fahrer bremst vorher, der Pkw schleudert, die Insassen verlagern sich. Für die Zukunft wollen wir beispielsweise die Individualisierung der Rückhaltesysteme vorantreiben, um jeden einzelnen Insassen optimal schützen zu können, zudem erproben wir neue integrierte Kindersitze oder auch ausfahrbare Polster, die bei einem Unfall verhindern sollen, dass Insassen zusammenprallen.
Und was geschieht in Ihrer Abteilung, Herr Breitling?
Wir arbeiten an einer Kommunikationen von Auto zu Auto sowie zwischen Auto und Infrastruktur, die Idee dahinter ist: Wenn Fahrzeuge schnell miteinander kommunizieren können, lassen sich viele Gefahren schon im Vorfeld abwenden. Ist beispielsweise auf der Autobahn ein Stau, kann ein verlängertes Bremslicht nachkommende Fahrzeuge warnen. Und wenn in der Nähe ein Auto einen Eingriff des ESP, des Elektronischen Stabilitätsprogramms, oder des Bremsassistenten hatte, erfahren das die anderen Wagen in der Umgebung. Auch Rettungskräfte ließen sich so schneller informieren. Wichtig ist, dass in diesem Bereich einheitliche Standards entstehen und nicht jeder Hersteller ein anderes System verwendet. Das Projekt AKTIV, an dem neben uns viele andere Hersteller und Zulieferer beteiligt sind, erforscht auf nationaler Ebene solche Techniken. Daimler engagiert sich hier mit Personal und finanziellen Mitteln, zudem haben wir eine kleine Flotte ausgerüstet, um mit diesem System Erfahrungen zu machen. Diese Art von Vernetzung wird kommen, da sind wir uns sicher. Aber im Alleingang können wir das nicht machen.







