Experten-Interview: Kompetenz vermitteln und immer wieder Üben – so macht man Kinder fit für den Straßenverkehr!
Die Verkehrspsychologin und Pädagogin Prof. Dr. Maria Limbourg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Verhalten von Kindern im Verkehrsgeschehen und der Frage, wie sich die schwächsten Teilnehmer am Straßenverkehr besser schützen lassen. Neben der Zusammenarbeit mit nationalen Institutionen wie z.B. der Deutschen Verkehrswacht, unterstützt die Leiterin der Arbeitsgruppe Mobilität und Verkehr im Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen zudem Projekte zur Verkehrserziehung in Südamerika.

Prof. Dr. Maria Limbourg,
Universität Duisburg-Essen.
MobileKids: Frau Professor Limbourg, gibt es eigentlich eine Faustregel, ab wann man ein Kind alleine auf die Straße lassen kann?
Prof. Limbourg: Die meisten Fähigkeiten, die man braucht, um im Straßenverkehr zu Recht zu kommen, hat man mit etwa acht Jahren. Da gibt es sicherlich Schwankungen und es sind auch noch nicht alle Fähigkeiten voll ausgeprägt, aber in diesem Alter wissen Kinder ungefähr, was gefährlich ist, wie sie sich verhalten müssen und wie Geschwindigkeiten und Entfernungen von Fahrzeugen ungefähr einzuschätzen sind. Allerdings nur, wenn man vorher mit ihnen geübt hat, etwa durch einen Rollentausch, in dem sich Eltern einfach mal von ihrem Vorschulkind durch den Verkehr führen und grundlegende Regeln erklären lassen. Wird ein Kind jedoch auch mit sieben Jahren noch immer nur mit dem Auto transportiert, fehlt ein langjähriger Lernprozess. Lässt man es dann mit acht Jahren plötzlich auf den Straßenverkehr los, kann das nicht klappen.
Viele Eltern wollen ihre Kinder ja gerade vor den Gefahren des Verkehrs schützen, wenn sie ihren Nachwuchs mit dem Auto zur Schule oder zum Sportplatz fahren...
Dabei nehmen sie aber den Kindern die Chance, ein angemessenes Verhalten zu trainieren. Den Kleinen entgehen viele Erfahrungen, die man gerade im Straßenverkehr braucht. Man muss daher den Eltern empfehlen: So lange ihr eure Kinder nicht alleine losschicken könnt, begleitet sie zu Fuß! Fehlt dafür im Alltag die Zeit, kann man nach Alternativen suchen. An einigen Schulen gibt es beispielweise den so genannten „Walking-Bus“, also einen Fußgänger-Bus. Kinder werden in Gruppen zusammengefasst, das organisiert in der Regel die Schule, und dann bildet man Abholketten. Die Kinder, die am weitesten weg wohnen, holen die nächsten ab und so weiter. Es gehen abwechselnd zwei Eltern mit, dann sind die Erwachsenen eben nur einmal die Woche an der Reihe, mit zur Schule zu Laufen. Die Kinder werden in Gruppen geführt und lernen so das richtige Verhalten im Straßenverkehr. Irgendwann, wenn es die Sicherheitslage zulässt, können sich die eingespielten Gruppen ohne Elternbegleitung auf den Weg machen.
Sind die Kleinen dann doch mal im Auto dabei, müssen sie vor allem vernünftig angeschnallt sein. Ohne Kindersitz geht es nicht, oder?
Es ist das A und O, die richtigen Sicherungssysteme zu nutzen! Im Kindergartenalter sind die meisten auch noch ganz gut gesichert, aber wenn sie in die Schule kommen, lässt das nach. Manche Eltern schnallen ihre Kinder nur mit dem Erwachsenengurt an, statt eine Sitzerhöhung zu nutzen, die verhindern soll, dass sich das Kind mit dem normalen Gurt stranguliert. Oder aber das Kind ist gar nicht gesichert, aus Nachlässigkeit oder weil es einem zu umständlich erscheint, etwa weil man dann den Schulranzen wieder abschnallen müsste. Doch dadurch können selbst kleinere Unfälle schlimm enden.

Ist das Kind als Fußgänger oder Radfahrer unterwegs, muss es zahlreiche Signale im richtigen Augenblick wahrnehmen und vor allem korrekt deuten. Eine schwierige Aufgabe, sind doch die kognitiven Fähigkeiten der Kinder noch gar nicht voll entwickelt. Können Eltern den Sinnen ihrer Sprösslinge auf die Sprünge helfen und die kindliche Wahrnehmungsfähigkeit trainieren?
Sicher, beispielsweise indem man das Kind, fragt: „Horch mal, woher kommt wohl dieses Geräusch gerade?“. So können Kinder, für die das Richtungshören problematisch ist, sich immer wieder in der korrekten Ortung eines Geräuschs versuchen. Das ist gar nicht so einfach, denn selbst Erwachsene haben ja Schwierigkeiten zu sagen, aus welcher Richtung das Martinshorn gerade herannaht, vor allem in Städten, wo etwa Straßenschluchten einen Widerhall erzeugen oder ohnehin viel Lärm herrscht. Eine andere Übung ist, zusammen mit dem Kind zu zählen, wie lange das Auto braucht, bis es von der Straßenecke auf ihre Höhe kommt: Eins, zwei, drei, dann kommt ein schnelleres Auto, das ist schon bei „zwei“ da und wieder ein anderes, da können sie dann bis fünf zählen. Dadurch merken die Kinder, aha, die Fahrzeuge haben unterschiedliche Geschwindigkeiten.
Wir erinnern uns wohl alle an die Worte unserer eigenen Eltern: Pass an der Straße auf! Doch wie wirksam sind solche ständigen Ermahnungen?
So etwas funktioniert meistens nicht, denn Kinder lassen sich leicht ablenken, und dann ist der Kopf ausgeschaltet. Wichtig ist das häufige Training, das richtige Verhalten im Straßenverkehr muss in Fleisch und Blut übergegangen sein. Wir haben beim Autofahren ja auch viele Prozesse automatisiert, Schalten, Bremsen, Blinken, und müssen nicht dauernd daran denken, wo denn nun der dritte Gang ist. Sitzt man nur häufig genug hinterm Lenkrad, kommt das von ganz allein. So ist es auch bei den Kindern, das richtige Verhalten wird durch Wiederholung und Übung trainiert, so hat man dann den Kopf frei und bleibt trotzdem im richtigen Moment an der Bordsteinkante stehen.
Es wird heute ja Eltern oft unterstellt, sie würden ihre Kinder in Watte packen...
Einige Eltern sind tatsächlich oberprotektiv, doch man sollte Kindern keine Angst machen, das verringert nur die Bereitschaft und die Fähigkeit zu lernen. Andere Mütter und Väter wiederum entlassen ihren Nachwuchs zu früh in die Selbstständigkeit. Wichtig ist, dass Kinder Selbstbewusstsein und Kompetenz entwickeln, um auch mit unvorhergesehenen Situationen umgehen zu können und nicht kopflos zu reagieren. Nehmen wir an, die Ampel ist ausgefallen oder eine neu eingerichtete Baustelle versperrt den üblichen Schulweg – auf so etwas müssen die Eltern ihre Kinder vorbereiten und ihnen erklären, was in einem solchen Fall zu tun ist. Zum Beispiel jemanden fragen, ob er einem helfen kann, sicher über die Straße zu kommen. Natürlich muss man auch besprechen, welche Personen man anspricht, vielleicht eine junge Mutter, die selbst ein Kind hat. Oder man einigt sich darauf, dass das Kind eben wieder zurück nach Hause kommt und Mutter oder Vater bittet, heute mitzukommen.
Verkehrserziehung ist hierzulande schon lange Bestandteil des Schulunterrichts, wie haben sich Art und Inhalt der Verkehrsschulung verändert?
Noch bis vor ein paar Jahren hat man eher im geschützten Raum mit den Kindern geübt. Jetzt ist die Erkenntnis durchgedrungen, wie wichtig ein Training im realen Verkehr ist, also auf den Straßen, die die Kinder später auch wirklich zu Fuß oder mit dem Fahrrad nutzen werden. Aber es reicht natürlich nicht aus, wenn Schule und Polizei zwei, drei Male mit den Kindern auf die Straße gehen, um ein Kind verkehrssicher zu machen. Vernünftig ist die Verkehrserziehung nur dann, wenn die Eltern mitmachen, die Themen aufgreifen und selbst das richtige Verhalten ihrer Kinder im Straßenverkehr schulen. Das ständige Üben macht wirklich Sinn, das zeigen ja auch die Unfallzahlen, die kontinuierlich abnehmen.
Sie sind ja auch viel in Südamerika unterwegs und unterstützen beispielsweise Kommunen dabei, die Straßen für Kinder sicherer zu machen. Gibt es viel für Sie zu tun?
In vielen Ländern dort ist die Situation heute so, wie sie bei uns in den siebziger Jahren war, als die Zahl der Verkehrstoten einen Höchststand erreicht hatte. Es gibt kaum Überquerungshilfen, die Autofahrer halten sich nicht an Regeln und auch in der schulischen Verkehrserziehung gibt es Nachholbedarf. Chile ist in diesem Bereich noch am besten aufgestellt, in anderen Ländern ist die Situation sehr problematisch.
Die Verkehrssicherheit hat ja auch was mit dem Entwicklungsstand
eines Landes zu tun, oder?
Ja, zu Beginn einer breiten Motorisierung ist es erst einmal wie im Dschungel, dann müssen Regeln eingeführt werden und alle müssen sich auch noch daran gewöhnen. Nach vielen Jahren wird der Verkehr dann zivilisierter. Die meisten Verkehrstoten gibt es heute ja nicht in den Ländern, die schon lange Autos haben und dicht motorisiert sind, sondern in den Entwicklungsländern. Dort muss sich oft erst das Gleichgewicht zwischen Autofahrern, Fußgängern und Rad- und Moped-Nutzern herstellen. Gegenseitige Rücksicht und Respekt im Straßenverkehr müssen in einer Gesellschaft erst einmal wachsen, aber das war der Prozess auch in allen heute hochindustrialisierten Ländern der Welt.







