Fähigkeiten müssen reifen – die wichtigsten Schritte in der kognitiven Entwicklung von Kindern
Erst allmählich entwickeln sich bei Kindern jene Fähigkeiten, die für eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr wichtig sind. Seh- und Hörvermögen, Konzentrationsfähigkeit oder auch motorisches Geschick bilden sich nach und nach aus. Wir haben mit der Verkehrspsychologin Prof. Dr. Maria Limbourg von der Uni Duisburg-Essen über die kindlichen Entwicklungsstufen gesprochen und das wichtigste zusammengefasst:
- Wissenschaftler sprechen von der egozentrischen Perspektive eines Kindes: Ich sehe das Auto, also muss der Wagen mich auch sehen! Und wenn ich schnell laufen und ganz plötzlich anhalten kann, wird der Bus dort vorne das sicher ebenfalls können! – Bremswege, der tote Winkel oder einfach die Tatsache, dass ein Erwachsener hinterm Steuer einen anderen Sichtausschnitt hat als der junge Verkehrsteilnehmer auf dem Fußweg, all das ist für Kinder bis zu einem Alter von ungefähr sechs oder sieben Jahren nur schwer nachzuvollziehen. Achtjährige lassen diese Ich-bezogene Sichtweise hinter sich, eine wichtige Voraussetzung, um allein am Straßenverkehr teilnehmen zu können.
- Mit acht Jahren können Kinder auch die Entfernung eines Fahrzeugs einigermaßen gut einschätzen. Jüngere dagegen halten oft große Objekte für nahe, kleinere Dinge hingegen wähnen sie weiter weg – selbst wenn Lkw und Kleinwagen direkt nebeneinander stehen.
- Die richtige Größen- und Entfernungseinschätzung ist vonnöten, um schließlich die ungefähre Geschwindigkeit eines Fahrzeugs zu bestimmen. Zehnjährigen gelingt das meist schon, zumindest im innerörtlichen Verkehr. Eine verlässliche Einschätzung ist gar nicht so leicht, selbst Erwachsene haben auf Autobahnen noch Probleme, das Tempo eines Autos sicher zu beurteilen.
- Die Gefahrenwahrnehmung entwickelt sich in Phasen: Dreijährige erkennen brenzlige Situationen meist gar nicht. Mit etwa sechs Jahren spüren sie immerhin, dass sie gerade in vollem Tempo mit dem Rad auf ein Hindernis zusteuern, auch wenn der Sturz dann kaum noch abzuwenden ist. Achtjährige erkennen oft schon vorab, ob der Weg möglicherweise ungeeignet ist zum Fahrradfahren. Mit circa zehn Jahren gelingt es, sich lieber gleich eine alternative Strecke zu suchen.
- Kinder haben ungefähr bis zu ihrem neunten Lebensjahr ein bis zu 30 Prozent kleineres Gesichtsfeld als Erwachsene, Autos von der Seite werden so erst viel später wahrgenommen.
- Den Schulanfängern fällt es zudem noch schwer zu orten, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt, mit etwa acht Jahren ist das nicht mehr so schwierig. Erst ab diesem Alter wird das Gehör allmählich eingesetzt, um sich im Straßenverkehr zu orientieren.
- Selbst wenn das geradeaus Fahren schon gut klappt, reichen die motorischen Fähigkeiten von Schülern bis zur zweiten oder dritten Klasse kaum aus, um sicher mit dem Fahrrad am Straßenverkehr teilnehmen zu können, zu komplex sind die erforderlichen Bewegungsabläufe. Gleichgewicht halten, abrupt bremsen, um die Kurve fahren, Signale geben, Hindernisse umfahren: im Alter von etwa acht Jahren meistern Kinder diese Aufgaben soweit, dass sie sich allmählich selbstständig im Verkehr bewegen können. Voraussetzung ist eine entsprechende Fahrradausbildung in der Schule. Vorher heißt es: auch mit zwei Rädern auf dem Fußweg bleiben, bis zum achten Geburtstag ist das sogar Pflicht. Bis sie zehn sind, dürfen Kinder in Deutschland auf dem Bürgersteig fahren, dabei müssen sie natürlich Rücksicht auf Fußgänger nehmen, die haben hier Vorfahrt. Doch ganz sicher ist das Radfahren auch für Viertklässler noch nicht, erst Vierzehnjährige können sich konzentrieren wie die Großen und ähnlich schnell wie Erwachsene reagieren.
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