Mehr Platz für Kinder!
Ein schöner Spielplatz, ein großer Schulhof, das allein macht nicht glücklich. Damit Kinder wieder weite Teile des öffentlichen Raums für sich nutzen können, zum Spielen im Freien, zum Umherstreifen mit den Freunden, zum Abenteuer erleben jenseits des Eingezäunten, müssen viele Beteiligte zusammenarbeiten.

Über Mauern klettern, hinter Schuppen und dichtes Buschwerk kriechen oder auch versteckte Trampelpfade in den Hinterhöfen erkunden – die Arbeit von Dagmar Brüggemann und ihren Kollegen ist manchmal ganz schön abenteuerlich, wenn sie sich mal wieder von Kindern und Jugendlichen durch ein Viertel führen und sich deren geheimen Verstecke und Rückzugsorte zeigen lassen. „Doch nur auf diese Weise“, sagt die Stadtplanerin vom Dortmunder Planungsbüro Stadt-Kinder, „bekommen wir einen wirklichen Einblick in das Spiel- und Mobilitätsverhalten der Kinder und Jugendlichen und lernen, auf welchen Wegen sie sich durch die Stadt und ihr Viertel bewegen.“ Was ist Kindern beim Spielen wichtig, wo halten sie sich gerne auf, in welchen Straßen dagegen ist ihnen unbehaglich, weil der Verkehr immer so vorbeirast? – Wer, wenn nicht die Kinder selbst, können diese Fragen am besten beantworten?
Mehr Raum für Kinder

Einer kindgerechten Stadtplanung geht es heute wieder darum, zusammenhängende Räume zu schaffen statt nur auf einzelne kinderfreundliche Inseln im Stadtgebiet zu setzen. Nur so können Kinder eine selbstständige Mobilität entwickeln, um nicht immer auf das "Eltern-Taxi" angewiesen zu sein, wenn sie morgens zur Schule und am Nachmittag zum Spielen nach draußen oder ins Freibad wollen. "Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um Straßen wieder sicherer und für alle Nutzer attraktiver zu machen", sagt Dagmar Brüggemann. Kleine, ausgeweitete Platzbereiche in den Straßen dienen dann als Begegnungsflächen für die Anwohner, kleinere Elemente am Wegesrand, ein Holzbalken etwa, laden zur kurzen Spielpause auf dem Schulweg ein und Poller oder auch bepflanzte Beete drosseln automatisch die Geschwindigkeit der Autofahrer. Und wird eine Wohnstraße als Durchgangsschneise missbraucht, ließe sich hier vielleicht eine Sackgasse einrichten, die den Verkehr aufhält, aber Fußgänger und Radfahrer durchlässt.
Die Geschwindigkeit von Autos in den Ortschaften zu reduzieren, ist nach Ansicht vieler Experten ein wichtiges Mittel, um die Verkehrssicherheit auf den Straßen zu erhöhen. In Deutschland sind Spielstraßen und Tempo-30-Zonen schon seit vielen Jahren bekannt, doch ein Schild allein bringt manche Autofahrer noch lange nicht dazu, langsamer zu fahren. Das ursprünglich aus den Niederlanden stammende Modell "Shared Space" etwa geht einen anderen Weg und verbannt kurzerhand Verkehrsschilder aus dem Straßenraum. Zudem werden Bereiche für Fußgänger und Autos nicht mehr baulich voneinander abgegrenzt. Dadurch soll das Tempo der Fahrzeuge automatisch gemindert und der direkte Kontakt zwischen den Verkehrsteilnehmer, die gegenseitige Rücksichtnahme, gestärkt werden.
Mitmachen ist angesagt!

Bei allen Überlegungen, von der Bedarfsanalyse bis zur Umsetzung konkreter Projekte ist es wichtig, Kinder, Jugendliche und Eltern mit einzubinden, so das Credo der sogenannten Spielleitplanung. Mit diesem Verfahren, 1999 vom Land Rheinland-Pfalz entwickelt und heute auch bundesweit in immer mehr Städten und Gemeinden umgesetzt, versuchen Kommunen, langfristig und vor allem Dezernatsübergreifend, die Belange von Kindern und Jugendlichen in der Stadtplanung zu berücksichtigen. "Beim Bau von Spielplätzen oder der Umgestaltung von Schulhöfen etwa ist diese Einbindung der späteren Nutzer schon nichts ungewöhnliches mehr", sagt Dagmar Brüggemann, "im Verkehrsbereich aber hat es etwas länger gedauert, solche Beteiligungsformen durchzusetzen. Man dachte früher, Kinder könnten zu diesem Thema nicht wirklich etwas beitragen. Heute sieht man das anders."
Das rheinland-pfälzische Städtchen Bodenheim etwa ist eine der ersten Modellkommunen der Spielleitplanung, hier saßen schon vor zehn Jahren Kinder mit in einer Gemeinderatssitzung dabei oder haben Experten auf Streifzüge durch ihre Umgebung mitgenommen und dabei den Erwachsenen ihren ganz eigenen Blick auf die Stadt nähergebracht. Heute leiten beispielsweise deutliche Symbole die Schulkinder sicher durch den Verkehr und mit selbstgestalteten "Strafzetteln" können die Kleinen Falschparker zu mehr Rücksicht ermahnen.
Mehr Unordnung wagen

Wer mit Kinderaugen durch die Straßen eines Ortes geht, erkennt vielleicht besser, dass ein penibel gepflegter Rasenplatz oft viel weniger zum Spielen einlädt als das brachliegende, undordentliche Grundstück nebenan. Dichtes Buschwerk, Holz zum Bauen und drauf Balancieren, Steine, Pflanzen und ein naher Flusslauf – solche naturnahen Elementen erlauben es Kindern, kreativ zu werden, mitzugestalten, sich auszutoben und eigene Fähigkeiten ebenso wie die eigenen Grenzen zu entdecken. In der Anschaffung sind solche Spielplätze für die Gemeinden häufig sogar günstiger als die immergleichen Klettergerüste, Wippen und Schaukeln, die teuer aus dem Katalog bestellt werden, so die Erfahrung von Dagmar Brüggemann. "Auch wenn die Pflege dieser Flächen oft aufwändiger ist, sprechen die Gebrauchswertqualitäten von naturnahen Spielflächen für sich", sagt die Stadtplanerin. Werden Anwohner über Patenschaften miteingebunden, ließe sich darüber hinaus eine erhöhte Identifikation mit den Spielplätzen erreichen.
Die Städte und Gemeinden können viel für eine kindgerechte Umgebung tun, aber auch Kinder und Eltern selbst schließen sich immer wieder in Initiativen zusammen, um konkrete Veränderungen vor Ort zu erreichen. Auch MobileKids möchte mit der Safety Map einen Beitrag leisten, sich aktiv daran zu beteiligen, die Straßen unserer Orte wieder sicherer für Kinder zu machen.







