Sicher unterwegs in der City

Große Städte und Innenstadtbereiche werden für Familien mit Kindern immer attraktiver. Doch so manches Viertel ist nicht kindgerecht, zu lange Zeit gingen Verkehrs- und Stadtplanung an den Bedürfnissen von Familien vorbei. Fehlende Freiräume aber schränken den Nachwuchs in seiner Entwicklung ein. Neue Konzepte, um innerstädtische Straßen wieder attraktiver und vor allem sicherer für Kinder zu machen, sind gefragt.

Leben mit Kindern in der Großstadt wird immer attraktiver.

Raus aufs Land? Nein, das ist nichts für Sandra und Stefan Hartmann*. Die beiden leben gern in Berlin, und das schon seit 15 Jahren. Hier haben sie sich kennengelernt, studiert, viele Freunde und gute Jobs gefunden. Und eine Familie gegründet. Mit den beiden Töchtern wohnen die überzeugten Großstädter im Süden des ehemaligen Arbeiterbezirks Friedrichshain in einem typischen Berliner Altbauviertel.

"Eine Reihenhaussiedlung in der Vorstadt, das wäre uns zu langweilig. Wir wollen als Eltern ja auch noch ein Leben haben", sagt Vater Stefan, der als Grafiker in einer Agentur in Berlin-Mitte arbeitet. Kino, Theater, Museen und Konzerte, Spezialitäten-Supermarkt und ausgefallene Designerläden – in der Großstadt liegen die vielfältigen Angebote nun mal um die Ecke. Zugleich ist die Auswahl an Schulen und Betreuungsangeboten groß, so können beide Elternteile arbeiten und zudem ihren Kindern individuelle Bildung und Förderung bieten.

Urbanes Leben ist im Trend

Einschränkungen in der Großstadt: Spielen auf der Straße ist oft zu gefährlich!

Städte sind als Wohnort für viele Familien durchaus attraktiv, denn mit dem Wandel der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft sind im urbanen Umfeld neue Lebens- und Arbeitsformen entstanden, die es Eltern erlauben, Berufs- und Familienleben unter einen Hut zu bekommen und einen möglichst individuellen Lebensstil zu pflegen. Nicht selten aber erleben Väter und Mütter, dass diese Freiheit auch Einschränkungen in der Mobilität ihrer Kinder mit sich bringen kann.

"Laura würde zum Beispiel morgens gern mit dem Fahrrad zur Schule, aber wir wollen das nicht", sagt die 37-jährige Sandra Hartmann. "Die Strecke von Friedrichshain bis hoch nach Prenzlauer Berg ist so dicht befahren, und teilweise gibt es keine eigenen Fahrradstreifen, das ist einfach zu gefährlich für eine 12-Jährige." Die Straße der Hartmanns liegt abseits der Szenekneipen, ist keine Shopping- oder Geschäftsmeile, keine Hauptverkehrsstraße, und trotzdem: "Auf der Straße spielen geht gar nicht!", sagt die Medizin- und Pflegepädagogin. "Vielleicht noch auf dem Bürgersteig, aber da fahren oft Radfahrer, weil die Straße aus Kopfsteinpflaster so unbequem ist." Mit ihren Kindern haben sie das richtige Verhalten im Straßenverkehr immer wieder geübt, Laura und ihre achtjährige Schwester Pia seien eigentlich recht aufmerksam im Verkehr unterwegs. "Man muss den Kindern ja auch ermöglichen, eigenständig Erfahrungen im Verkehr zu sammeln, aber wenn sie allein, ohne uns draußen unterwegs sind, bleibt immer ein mulmiges Gefühl."

Besondere Probleme im Großstadtverkehr

Mehr als 30.000 Verkehrsunfälle verzeichnete die Statistik im Jahr 2009 bei Kindern unter 15 Jahren. Die meisten davon geschahen innerorts. "Städte haben drei große Probleme", sagt der Verkehrswissenschaftler Reinhold Maier von der TU Dresden: "Zu viel Verkehr, der hier nicht hingehört, etwa Durchgangs- oder Pendelverkehr. Zudem ist häufig der Sichtkontakt zwischen Verkehrsteilnehmern nicht ausreichend, etwa wenn parkende Autos Bürgersteige von Fahrbahnen trennen oder Kreuzungsbereiche zugeparkt sind. Schließlich gefährden zu hohe Geschwindigkeiten die Verkehrsteilnehmer."

Probleme in der Stadt: Baustellen erschweren die Verkehrssituation.

Wer mit dem Auto in der Großstadt unterwegs ist, weiß, wie stressig hier eine Verkehrssituation sein kann: Auf mancher großen, mehrspurigen Magistrale teilen sich Autos den Platz mit Straßenbahnen und Bussen, ein Wald aus Schildern und Lichtsignalen sorgt für zusätzliche Verwirrung, ständig wechselnde Baustellen oder auch Straßenabsperrungen für Großveranstaltungen oder Demos verschärfen die Situation. Wer es jetzt eilig hat, etwa weil es bei der Arbeit mal wieder länger dauerte und das Kind schon an der Schule wartet, gerät schnell in Hektik. Das erhöht die Unfallgefahr, beim Spurwechsel, beim Abbiegen, im Stop-and-go-Verkehr. Technische Entwicklungen im Fahrzeug können zwar helfen, kritische Situationen besser zu meistern (siehe Interview), doch um Stadtstraßen für alle Verkehrsteilnehmer sicherer zu machen, sind auch Stadt- und Verkehrsplaner gefordert.

Sind die Hauptstraßen verstopft, weichen Autofahrer häufig auf die ruhigen Nebenstraßen der Wohngebiete aus.

"In der Verkehrsplanung ist es ungeheuer wichtig, sogenannte Verbindungs- von Erschließungsstraßen eindeutig von einander zu unterscheiden", sagt Maier. Eine Straße mit Verbindungsfunktion soll den Durchgangsverkehr aufnehmen, die einzelnen Stadtteile miteinander verbinden oder umliegende Ortschaften an die City anschließen. Hier muss der Verkehr fließen, ein Tempolimit von weniger als 50 km/h etwa wäre kontraproduktiv. Erschließungsstraßen dagegen führen in die Wohnviertel, zu den Geschäften oder auch Arztpraxen, hier sind Geschwindigkeitsbegrenzungen und vor allem Parkmöglichkeiten gefragt.

"Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Stadtstraßen würden als Verbindungsstraßen ausreichen, der Rest könnte verkehrsberuhigt werden", so die Ansicht Maiers. "Wohnviertel aus den 1960er oder 70er Jahren sind oft so geplant, dass gar kein Durchgangsverkehr entsteht, etwa durch Straßenschleifen oder Sackgassen." Die Viertel aus der Gründerzeit jedoch, mit ihren charmanten Altbauten beliebte Wohngegend auch bei Familien, sind oft rechtwinklig angelegt und laden zum Abkürzen ein oder als Ausweichstraßen, wenn die Hauptachsen verstopft sind. Das Problem kennt auch Familie Hartmann. Eigentlich gilt ja Tempo 30 vor dem Haus, "aber die Leute rasen hier manchmal schon ziemlich durch", sagt Vater Stefan, "vor allem wenn es an der Warschauer Straße mal wieder zu voll ist, haben wir im Viertel viel Durchgangsverkehr."

Mobilität ist wichtig für eine glückliche Kindheit

Eine Studie Baldo Blinkerts belegt: Je kinderfreundlicher die direkte Umgebung, umso mehr Zeit verbringen Kinder im Freien.

Also gehen Laura und ihre achtjährige Schwester Pia am Nachmittag auf den Spielplatz. Der ist eingezäunt, sicher, und gut zu Fuß zu erreichen. Aber auch ein bisschen langweilig. Klettergerüst, Sandkasten, Wippe, Schaukel, und am Rande sitzen Erwachsene auf den Bänken und passen auf. All das lädt nicht gerade zum freien Spielen ein, zum Welt entdecken und sich ausprobieren.

Dabei ist es für die gesunde Entwicklung von Kindern wichtig, sich frei und ohne Gefahr im öffentlichen Raum aufhalten zu können, betonen Experten. Stattdessen behindert die öffentliche Ordnung häufig Kinder in ihrer Entfaltung, so die These des Freiburger Sozialwissenschaftlers Baldo Blinkert. In den Städten gingen dem Nachwuchs die Aktionsräume verloren, Orte, leicht und ungefährlich zu erreichen, die nicht durchstrukturiert sondern offen in der Nutzung sind und zum Treff mit anderen Kindern taugen, ohne dass ständig Erwachsene dabei sein müssen.

Neben der jahrzehntelangen Zunahme des Verkehrs in den Städten liege das auch an einer Stadtplanung, die jedem Ort eine feste Funktion zuschreibt und an kindlichen Bedürfnissen vorbeigehe. Die Folgen sind direkt spürbar, so legt es eine Studie Blinkerts nahe, die den Zusammenhang zwischen nahem Wohnumfeld und Freizeitverhalten bei 4000 Freiburger Kindern zwischen etwa fünf und zehn Jahren untersuchte: Je kinderfreundlicher die direkte Umgebung, um so mehr Zeit verbrachten die Kinder ohne elterliche Aufsicht im Freien, um so weniger schauten sie am Nachmittag fern, und auch die Rate der organisierten Betreuung nach der Schule sank.

Neue Chancen für die Stadt durch gesellschaftlichen Wandel

Umweltfreundliche Fortbewegung wird in Zukunft immer wichtiger: Öffentlicher Nahverkehr mit Hybridantrieb.

In den vergangenen Jahren hat sich immer mehr Industrie aus den Städten zurückgezogen, zudem werden alte Gleisanlagen, überflüssige Kasernen oder marode Siedlungen abgerissen oder rückgebaut. Zugleich prognostizieren Experten den Deutschen einen Bevölkerungsschwund in den kommenden Jahrzehnten, viele Städte verlieren schon heute an Einwohnern oder wachsen nicht mehr so stark wie im vergangenen Jahrhundert. Freie Flächen und neue Nutzungsstrukturen entstehen, hier ist Raum für alternative Verkehrskonzepte und städtebauliche Maßnahmen, um auch in den dichten Ballungsräumen das Wohnumfeld wieder kinderfreundlicher und sicherer zu gestalten. Um dabei nicht an den Bedürfnissen der Betroffen vorbei zu planen, setzen Stadtplaner heute zunehmend auf die Zusammenarbeit mit Kindern, Eltern und anderen Anwohnern in den Vierteln (siehe Text). Mitmachen ist angesagt, dazu möchte auch die MobileKids Safety Map einladen.

Mitmachen ist angesagt: Die MobileKids Safety Map.

Um die Lebensqualität in den Städten zu steigern sind auch umweltfreundlichere Fortbewegungsmittel gefragt, eine bessere, intelligentere Verknüpfung von Individualverkehr und öffentlichem Nahverkehr etwa oder auch emissionsfreie Fortbewegungsmittel wie das Elektroauto sind hier wichtige Ansätze, über die MobileKids auch in den kommenden Monaten berichten wird.

*Namen geändert

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