Verkehrserziehung für Kinder im Rollstuhl

MobileKids widmet sich der „Inklusion im Straßenverkehr“ und zeigt, wie Verkehrserziehung für Kinder im Rollstuhl aussehen kann.

Der Bordstein vor der Kreuzung ist gar nicht mal so hoch. Für die meisten ist er kein Hindernis. Für Hannes Hönes (kleines Foto) schon. Er hält kurz an, lauscht, lässt ein Auto vorbeifahren. Dann fährt er zu einer abgesenkten Stelle, nimmt Schwung und kommt so mit einem kleinen Umweg ans Ziel. „Manchmal muss ich kreativ werden“, schmunzelt er. „Anders geht es oft nicht.“

 

Hannes ist 23 Jahre alt und sitzt seit früher Kindheit im Rollstuhl. Mit drei Monaten erlitt er einen Sauerstoffunfall, der einige für die Motorik zuständige Bereiche seines Gehirns schädigte. Mit drei Jahren bekam er seinen Rollstuhl. Für ihn ist das kein Drama, sondern Alltag. „Ich habe kein Problem, die Situation anzunehmen“, sagt er. „Ich akzeptiere mich, wie ich bin.“ Diese Haltung hat ihm geholfen, selbstständig zu werden. Schon als Grundschüler war er manchmal allein im Straßenverkehr unterwegs. Sein Schulweg dauerte rund eine halbe Stunde. Mit neun Jahren nahm er an speziellen Rollstuhl- und Verkehrstrainings teil. Sie legten den Grundstein dafür, dass er sich heute sicher auf der Straße bewegt.

Früh lernen, sich zu behaupten

Auch wenn Hannes’ Grundschule barrierefrei war, blieb der Weg dorthin eine tägliche Herausforderung. Bordsteine, schlechte Sicht, unerwartete Hindernisse. Wenn die Stelle nicht gut einsehbar ist, hört er genauer hin. „Ich verlasse mich dann mehr auf meine Ohren“, sagt er. Bordsteine sind bis heute ein Problem. „Ein großer Wunsch von mir ist, dass sie flacher beginnen.“ Neben dem Lauschen und kleinen Umwegen, löst Hannes auch Probleme, indem er Passanten um Hilfe bittet.

Diese Erfahrungen teilen viele Familien. Auch von Kindern, für die aus anderen Gründen der Straßenverkehr eine Herausforderung ist. In den ersten beiden Folgen der MobileKids-Serie „Inklusion im Straßenverkehr“ haben wir die Situation von geistig Behinderten sowie blinden Kindern beleuchtet. Kinder im Rollstuhl bewegen sich zwangsläufig im Straßenverkehr anders als Fußgänger. Bergab sind sie schneller, bergauf langsamer, oft schlechter sichtbar. Genau hier setzen Mobilitäts- und Verkehrstrainings an, wie sie Peter Richarz als freier Trainer unter anderem für das BG Klinikum Hamburg seit vielen Jahren anbietet. „Man wird im Rollstuhl im Verkehr oft nicht gesehen, deshalb ist Aufmerksamkeit besonders wichtig“, sagt der Spezialist für Reha- und Parasport. Unter anderem führte er als Cheftrainer zwei Mannschaften im Rollstuhlbasketball zur Weltmeisterschaft.

Sicherheit entsteht durch Übung

In den Trainings von Peter Richarz lernen Kinder mit Bordsteinen, geneigten Gehwegen, kurzen Ampelphasen oder parkenden Autos umzugehen. Auch das Fahren mit Bussen und Bahnen gehört dazu: Blickkontakt mit Fahrern, das richtige Positionieren oder der Umgang mit Rampen werden gezielt geübt. Gestartet wird in geschützter Umgebung, später folgen reale Situationen im öffentlichen Raum. Eltern sind bei jüngeren Kindern einbezogen, Fortschritte entstehen Schritt für Schritt.

Genau wie für die Verkehrsinitiative Mobile Kids, sieht Peter Richarz Mobilität nicht als Nebensache, sondern als Voraussetzung für Teilhabe. Hannes’ Weg zeigt, wie wichtig es ist, Kinder früh darin zu stärken. Heute kommt er gut im Straßenverkehr zurecht, arbeitet als selbstständiger Fotograf und geht seinen eigenen Weg. Sicherheit entsteht nicht von selbst, sondern durch Erfahrung, Übung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.