„Im Notfall zählt jede Minute“

MobileKids widmet sich in einer neuen Serie dem Thema „Notfälle im Alltag“. Teil 2 zeigt, was nach dem Absetzen eines Notrufs passiert – und wie Eltern dieses Wissen kindgerecht weitergeben können.

Ein Unfall, ein Notfall – und plötzlich ist schnelles Handeln gefragt. Wer dann weiß, was zu tun ist, kann im entscheidenden Moment Leben retten. Viele Erwachsene kennen die Notrufnummer 112, aber was genau passiert eigentlich, nachdem man dort anruft? Und was sollten Kinder wissen, um im Ernstfall richtig zu reagieren? Darüber haben wir mit Werksarzt Andreas Schneider von Mercedes-Benz gesprochen. Er gibt Einblicke in die Abläufe hinter den Kulissen und zeigt, wie wichtig gute Vorbereitung und klare Kommunikation im Notfall sind.

MobileKids: Was genau passiert eigentlich, nachdem jemand den Notruf 112 wählt?

Andreas Schneider: Der Anruf landet bei einer sogenannten integrierten Leitstelle, in der Regel auf Landkreisebene. Dort nehmen speziell geschulte Disponenten den Notruf entgegen. Sie haben eine Feuerwehr- oder Rettungsdienstausbildung und entscheiden sofort, welche Rettungsmittel gebraucht werden. Also zum Beispiel ein Rettungswagen oder ein Notarzt. Parallel geben sie am Telefon bereits wichtige Anweisungen oder leiten sogar Wiederbelebungsmaßnahmen an, wenn nötig.

MobileKids: Bleiben die Disponenten auch nach dem Anruf noch in Kontakt?

Andreas Schneider: Ja, wenn es notwendig ist. Der Kontakt kann so lange bestehen bleiben, bis die Rettungskräfte vor Ort sind. Die Kommunikation ist ein zentraler Bestandteil der Rettungskette. So wird sichergestellt, dass die Hilfe bestmöglich koordiniert wird – vom Notruf bis hin zur Anmeldung im Krankenhaus.

Rettungskette im Werk vs. öffentlicher Raum

Bei Mercedes-Benz bildet der werksinterne Rettungsdienst eine nahezu identische Struktur zum öffentlichen Rettungswesen ab – nur schneller. Im Werk gilt eine eigene, besonders kurze Hilfsfrist. Unterstützt wird die Rettungskette durch eine Werkfeuerwehr, eigene Rettungsdienste und geschulte Ersthelfer in allen Bereichen. Regelmäßige Fortbildungen sichern dabei den hohen Standard. Besonders bewährt hat sich die enge Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Rettungsdienst sowie das Vorhalten zusätzlicher Ressourcen – zum Beispiel eines zweiten Rettungswagens für parallele Einsätze.

MobileKids: Welche Rolle spielt dabei die Zeit?

Andreas Schneider: Eine sehr große. In Baden-Württemberg ist gesetzlich festgelegt, dass der Rettungsdienst möglichst schnell am Einsatzort eintreffen muss. Ziel ist es, in 95 Prozent der Fälle innerhalb von zwölf Minuten nach Eingang des Notrufs ein erstes Rettungsmittel, also zum Beispiel einen Rettungswagen, vor Ort zu haben. Jede Minute zählt. Deshalb ist es so wichtig, dass alle Abläufe klar geregelt sind und gut funktionieren.

MobileKids: Gibt es solche zeitlichen Vorgaben auch in anderen Ländern?

Andreas Schneider: Ja, auch international gibt es sogenannte Hilfsfristen, also Zielvorgaben, wie schnell Hilfe am Notfallort eintreffen soll. Diese unterscheiden sich allerdings stark: In Großbritannien etwa sollen Rettungskräfte bei lebensbedrohlichen Notfällen innerhalb von sieben Minuten vor Ort sein. In Österreich liegt die Zielmarke meist bei 15 Minuten, in vielen US-Städten gilt die sogenannte Acht-Minuten-Regel. Wie streng diese Vorgaben kontrolliert werden, hängt vom jeweiligen Land und seiner Organisation der Rettungsdienste ab.

MobileKids: Was passiert bei einem Notruf durch Kinder? Kommt es da öfter zu Missverständnissen?

Andreas Schneider: Im Gegenteil. Kinder machen das oft richtig gut. Sie werden sehr gezielt befragt und die Disponenten gehen besonders einfühlsam auf sie ein. Es gibt also keine typischen Missverständnisse, die man pauschal nennen könnte.

Was Kinder wissen sollten

  • Im Notfall die 112 wählen
  • Nie die verletzte Person allein lassen – aber sich selbst nicht in Gefahr bringen
  • Umstehende Erwachsene um Hilfe bitten
  • Wenn ein Krankenwagen kommt: aufmerksam sein, zur Seite gehen, den Weg frei machen
  • Keine Angst haben: Helfen ist immer besser als nichts tun!

MobileKids: Was sollten Eltern oder Lehrkräfte Kindern beibringen, wenn es um den Notruf geht?

Andreas Schneider: Wichtig ist vor allem: Die verletzte oder erkrankte Person nicht allein lassen. Gleichzeitig dürfen sich Kinder aber auch nicht selbst in Gefahr bringen. Wenn mehrere Menschen vor Ort sind, kann eine klare Rollenverteilung helfen. Kinder sollten außerdem wissen, dass sie sich jederzeit Hilfe holen dürfen. Und dass es besser ist, einmal zu viel als einmal zu wenig den Notruf zu wählen.

MobileKids: Ist die Rettungskette in anderen Ländern ähnlich aufgebaut wie bei uns?

Andreas Schneider: Das Grundprinzip ist weltweit vergleichbar. Der Ablauf vom Notruf bis zur medizinischen Versorgung funktioniert grundsätzlich nach einem ähnlichen Muster.

MobileKids: Wo liegen dann die Unterschiede im internationalen Vergleich?

Andreas Schneider: Es gibt Unterschiede in der Organisation, Erreichbarkeit und Ausstattung der Rettungsdienste. Während bei uns die 112 gilt, haben manche Länder zusätzlich eigene Notrufnummern – die 112 kann man aber fast weltweit wählen. Auch die Frage, ob Rettungsdienste staatlich, privat oder ehrenamtlich organisiert sind, ist nicht überall gleich. Hinzu kommen große Unterschiede in der medizinischen Infrastruktur, gerade in ländlichen Regionen oder in Entwicklungsländern. Deshalb ist es sinnvoll, dass Eltern mit Kindern auch im Urlaub oder auf Reisen darüber sprechen, wie man im Notfall Hilfe bekommt und welche Nummer man im jeweiligen Land wählen muss.

Zur Person

Andreas Schneider ist Werksarzt bei Mercedes-Benz und verantwortlich für den Rettungsdienst im Werk Sindelfingen. Er betreut die Mitarbeitenden in allen medizinischen Fragen und führt arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen durch. Nach seiner Facharztausbildung in Anästhesiologie absolvierte er bei Mercedes-Benz eine zweite Facharztausbildung in Arbeitsmedizin.

Neben seiner Tätigkeit im Werk ist Andreas Schneider Leitender Notarzt im Landkreis Böblingen, Ärztlicher Verantwortlicher im Rettungsdienst beim DRK-Kreisverband Böblingen und aktiver Notarzt an mehreren Standorten in Baden-Württemberg. Seine Leidenschaft für die Notfallmedizin entstand während seiner anästhesiologischen Ausbildung. Die Begeisterung für Mercedes-Benz begleitet ihn seit Kindheitstagen – geprägt durch seinen Vater, der dort als Ingenieur tätig war.