Ein Sturz mit dem Fahrrad, ein Zusammenstoß zweier Roller oder ein Verkehrsunfall auf dem Schulweg: Unfälle im Umfeld von Kindern geschehen meist unerwartet. In solchen Momenten sind vor allem Erwachsene gefragt. Sie sichern die Situation, holen Hilfe und betreuen Verletzte. Kinder müssen dagegen nicht alles selbst können. Für sie zählt vor allem: Abstand halten, Hilfe holen, auf Erwachsene hören und nur dann bei Verletzten bleiben, wenn sie selbst sicher sind.
Erst sichern, dann helfen
„Aus medizinischer Sicht gilt immer dieselbe Reihenfolge, unabhängig von Unfallart oder Alter der Beteiligten“, erklärt Andreas Schneider, Werksarzt bei Mercedes-Benz in Sindelfingen. An erster Stelle steht die eigene Sicherheit. Helfende sollten sich nur nähern, wenn keine unmittelbare Gefahr durch Verkehr, Feuer oder andere Risiken besteht. Danach folgt der Überblick: Was ist passiert? Wie viele Personen sind betroffen? Reagiert die verletzte Person auf Ansprache? Atmet sie normal?
Risiken realistisch einschätzen
An Unfallstellen werden Gefahren häufig unterschätzt. Selbst auf ruhigen Straßen kann plötzlich weiterer Verkehr auftauchen. Zudem sind Verletzungen nicht immer sofort sichtbar. „Schockreaktionen werden oft übersehen. Betroffene wirken blass oder ungewöhnlich still, obwohl der Körper stark belastet ist“, so Schneider. Auch innere Verletzungen oder Kopfverletzungen zeigen sich nicht immer eindeutig. Wenn Erwachsene die Lage nicht sicher einschätzen können, sollten sie nicht abwarten oder verharmlosen, sondern den Notruf wählen und die Situation möglichst genau schildern. Die Leitstelle entscheidet dann gemeinsam mit den Anrufenden, welche Hilfe notwendig ist.
Kinder sollten wissen, dass sie im Notfall Hilfe holen dürfen und sollen. In Deutschland und in allen Ländern der Europäischen Union gilt die einheitliche Notrufnummer 112. Sie ist kostenlos erreichbar und funktioniert von Festnetz und Mobiltelefon. In Deutschland ist zusätzlich die 110 für die Polizei geschaltet, während Feuerwehr und Rettungsdienst über die 112 erreichbar sind.
Auch auf Reisen ist es sinnvoll, wichtige Notrufnummern zu kennen. Außerhalb Europas unterscheiden sich die Systeme teils deutlich. Beispielsweise lautet in den USA die zentrale Notrufnummer 911 für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. In Indien ist die 112 als landesweite zentrale Notrufnummer eingerichtet, zusätzlich sind je nach Region Ambulanznummern wie 108 oder 102 im Einsatz. In China sind die Notrufnummern getrennt organisiert: Polizei 110, Feuerwehr 119 und Rettungsdienst 120.
In jedem Fall empfiehlt es sich, vor Reisen die landesspezifischen Notrufnummern zu prüfen und sie gemeinsam mit Kindern zu besprechen.
Kinder schützen und klar anleiten
Nicht nur die verletzte Person, sondern auch das Umfeld sollte konsequent im Blick behalten werden. Befinden sich Kinder in der Nähe oder sind sie beteiligt, sollten sie sofort aus dem Gefahrenbereich gebracht werden. Kinder orientieren sich stark am Verhalten der Erwachsenen. „Kinder können Gefahren schlecht einschätzen und brauchen klare Ansagen“, betont Schneider. Ein ruhiger, bestimmter Satz wie „Bleib hier stehen, das ist sicher“ gibt Orientierung.
Kindern sollte klar vermittelt werden, was sie tun können und was nicht ihre Aufgabe ist. Sie sollen nicht den Verkehr regeln, keine Verletzten bewegen und nicht allein entscheiden müssen, ob medizinische Hilfe nötig ist. Sie können aber einen Erwachsenen holen, im sicheren Bereich warten, den Notruf wählen oder eine verletzte Person beruhigen, wenn sie selbst dabei nicht in Gefahr geraten.
Notruf erklären und Hemmschwellen abbauen
Kinder sollten wissen, dass Helfen nicht bedeutet, alles selbst zu übernehmen. „Man kann Kindern erklären, dass der Körper manchmal Hilfe von Profis braucht, so wie ein Auto in der Werkstatt“, sagt Schneider. Solche Bilder machen verständlich, warum ein Notruf wichtig ist.
Professionelle Hilfe ist bei Kindern und Erwachsenen immer dann notwendig, wenn Bewusstlosigkeit, Atemprobleme, starke Schmerzen, Blutungen oder Kopfverletzungen vorliegen. Bei Kindern sollten Erwachsene zusätzlich aufmerksam werden, wenn sie sich nach einem Unfall anders verhalten als sonst, ungewöhnlich still sind, verwirrt wirken oder über Schwindel klagen. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu viel den Notruf wählen.
Typische Fehler vermeiden
Aus Unsicherheit entstehen an Unfallstellen häufig Fehler: Verletzte werden ungeprüft aufgerichtet oder bewegt, Wunden unterschätzt oder ein Notruf wird nicht abgesetzt, weil die Situation zunächst harmlos erscheint. Auch das Alleinlassen verletzter Personen kann problematisch sein. „Diese Fehler können Verletzungen deutlich verschlechtern“, warnt Schneider.
Bis professionelle Hilfe eintrifft, können auch Laien viel bewirken. Verletzte sollten beruhigt werden, bei Prellungen kann vorsichtig gekühlt werden, blutende Wunden sollten mit Druck versorgt werden. Ebenso wichtig ist es, Betroffene warmzuhalten. „Auch einfache Maßnahmen können viel bewirken“, betont Schneider. Gleichzeitig sollten Verletzte nichts essen oder trinken, solange unklar ist, welche Verletzungen vorliegen.
Vorbild sein
„Kinder brauchen Sicherheit, Vorbilder und einfache Regeln“, fasst Schneider zusammen. Bleiben Erwachsene ruhig, handeln strukturiert und erklären, was passiert, lernen Kinder richtiges Verhalten in Notfallsituationen. Ob auf dem Schulweg, beim Spielen oder im Straßenverkehr: Besonnenes Handeln vermittelt Orientierung und genau das macht im Ernstfall den Unterschied.