Sicher auf dem Sattel - schon vor dem Losfahren

Sicheres Radfahren beginnt schon vor dem ersten Tritt in die Pedale. Wie Kinder die Radfahrprüfung bestehen, erklärt Polizist Matthäus Ruckh.

Wer sein Fahrrad auf Verkehrssicherheit überprüft hat, in die richtige Position schiebt und konzentriert ist, kann theoretisch losfahren. Theoretisch. Denn für viele Kinder ist tatsächlich das Anfahren beim Radfahren die erste Hürde. Aber keine Sorge: Schon in wenigen Übungsstunden sitzen die meisten Mädchen und Jungen sicher auf dem Sattel, erzählt Polizeihauptmeister Matthäus Ruckh von der Jugendverkehrsschule am Max-Eyth-See in Stuttgart. Er betreut pro Schuljahr rund 600 Schülerinnen und Schüler in der Unfallprävention und hat darin 18 Jahre Erfahrung.

 

Was sind die größten Stolpersteine in der Vorbereitung auf die Radprüfung?

In der ersten von vier Übungseinheiten bei uns in der Jungendverkehrsschule scheitern viele Kinder am Umgang mit dem Fahrrad. Sie wissen nicht, wie sie anfahren, bremsen oder den Ständer ausklappen. Das gibt sich aber schnell und im Verlauf der Fahrradausbildung zeigen sich das Umfahren der Hindernisse und das Linksabbiegen als die größten Herausforderungen. Denn hier sind viele koordinative und kognitive Aufgaben nacheinander oder gleichzeitig zu erledigen. Wie zum Beispiel einhändig fahren, auf Gegenverkehr achten, Zeichen geben und der Schulterblick.

 

Seit der Pandemie wird viel mehr Fahrrad gefahren, merken Sie das schon an den Kenntnissen der Kinder?

Leider noch nicht. Die Vorkenntnisse, die Kinder mitbringen, wenn sie zu uns kommen, sind tatsächlich in den vergangenen Jahren rückläufig. Eine Verbesserung was die Motorik und Konzentrationsfähigkeit betrifft, wäre toll und eine positive Begleiterscheinung von Corona. Die vier Übungseinheiten bei der Polizei sind lediglich der Grundstein für die sichere Teilnahme am Straßenverkehr. Es liegt vor allem auch an den Eltern, dass sie mit ihren Sprösslingen Radfahren gehen und so die gelernten Fähigkeiten vertiefen. Ich empfehle Lehrern und Eltern immer wieder, viel mit den Kindern zu üben.

Lerninhalte der Radfahrausbildung

Einheit 1

Üben des richtigen Anfahrens, bei Hindernissen richtig reagieren und vorbeifahren, Verhalten an einer Stop-Stelle

Einheit 2

Wiederholung bereits gelernter Inhalte, Vorfahrtsregel anwenden, Verhalten bei Kreuzungen mit Rechts vor Links und an einer Ampel

Einheit 3

Wiederholung bereits gelernter Inhalte, richtig Linksabbiegen, Übungsprüfungen

Einheit 4

Einfahren, Wiederholung bereits gelernter Inhalte, Radfahrprüfung

Wie gelingt es Ihnen, die Kinder erfolgreich durch die Radprüfung zu begleiten?

Gleich vorab: Die meisten Kinder bestehen die Prüfung und machen in ihren Übungseinheiten mit Spaß an der Sache große Fortschritte. Das macht Freude zu sehen, wie ein Knirps zunächst wackelig losfährt und bald souverän ein Hindernis meistert. Und auch die Kinder genießen es, wenn wir Polizisten es schaffen, ihnen den Druck und die Prüfungsangst zu nehmen. Überhaupt denke ich, dass wir gerade so viel Ernst im Alltag haben. Da muss man nicht auch noch bei der Radfahrausbildung Angst haben.

 

Wie sorgen Sie für entspannte Übungsstunden ohne Prüfungsangst?

Ich bin selbst begeistert bei der Sache und mir sicher, dass meine Leidenschaft für die Radfahrausbildung auch auf andere überspringt. Ich möchte niemanden überfordern, selbst wer noch nicht Radfahren kann, darf bei uns mit dem Laufrad mitmachen. Ich vermittle den Ernst der Sache gerne kindgerecht, mit spielerischen Übungen und verpackt in lustige Geschichten.

Radfahrausbildung weltweit

In vielen Ländern ist Verkehrserziehung üblich. Vor allem in Europa gibt es zahlreiche Aktionen rund um die Sicherheit mit dem Fahrrad. In Österreich gibt es den „Top Rider“, in Kroatien die Aktion „Sicherheit im Verkehr“ und in Großbritannien die Organisation „Bikeability“. In Frankreich findet der „Wettbewerb der Zweiräder“ statt, bei dem Jugendliche auch auf dem Minimofa geschult werden. In Polen lernen Schulkinder im „Verkehrsgarten“ in einem abgegrenzten Bereich, wie man mit dem Rad sicher unterwegs ist. In Luxemburg werden Kinder mit Geschicklichkeitsübungen geschult und in der Türkei gibt es Verkehrserziehungsparks, die mit deutschen Jugendverkehrsschulen vergleichbar sind.

Wie läuft die Fahrradprüfung ab?

Wir nutzen die gesamten 90 Minuten, die wir dafür Zeit haben. Das heißt, wir wiederholen nochmal kurz das Gelernte. Dann gibt es eine Warmfahrphase und schließlich die eigentliche Prüfung. Hier wird nichts verlangt, was wir nicht vorher geübt haben. Bei der Entscheidung, ob das Kind besteht, beziehen wir die gesamte Leistung aus allen Einheiten und auch aus der Warmfahrphase mit ein. Niemand fällt wegen Nervosität durch.

 

Das heißt, man kann bei der Fahrradprüfung auch durchfallen?

Ja, man kann durchfallen. Das bedeutet aber nicht, dass die Schülerin oder der Schüler dann nicht im Straßenverkehr Radfahren darf. Unsere Einschätzung gilt als Empfehlung, ist aber gesetzlich nicht bindend. Ob und wie die Kinder später Radfahren, entscheiden die Eltern. Das „Durchfallen“ ist also eine Rückmeldung, dass das Kind weiterhin begleitet werden sollte und halt noch Übung braucht. Dann gibt es einen Gutschein für einen Ferienkurs bei uns und die Prüfung kann wiederholt werden.

Polizeihauptmeister Matthäus Ruckh gibt Tipps: So schafft jedes Kind die Fahrradprüfung


1. Langsam steigern

Übungen sollten in einem geschützten Bereich wie dem Schulhof oder einer Jugendverkehrsschule beginnen. Dann kann man in einem ruhigen Wohngebiet weitermachen. In den Stadtverkehr sollten Kinder nur dann, wenn sie bereits sicher fahren und Erfahrung mit dem Straßenverkehr mitbringen.


2. Zeit geben

Meistens fahren Kinder am Anfang des vierten Schuljahres weniger sicher als am Ende. Das liegt nicht nur an der Übung, sondern auch an der Entwicklung. Konzentration und Kognition steigern sich innerhalb kurzer Zeit.


3. Von klein auf

Wer schon als Kindergartenkind das Laufrad kennt, tut sich nachweislich leichter beim Umstieg auf das Fahrrad. Bitte verzichten Sie auf Stützräder, denn durch diese gewöhnen sich die Kinder falsches Fahren an.


4. Üben, üben, üben

Zuerst in Begleitung, später auf bekannten Strecken teilweise allein und zuletzt auch unbekannte Strecken probieren. Wer Routine beim Radfahren mitbringt, meistert die Radprüfung souverän.